Der U(h)r-Irrtum

Ich weiß nicht, was es wirklich auf sich hat, mit der oft beschworenen Duplizität der Fälle. Und wahrscheinlich gibt es sie gar nicht. Weil alles letzten Endes reiner Zufall, der Eintritt eines Ereignisses, wie auch des folgenden, jeweils ebenso wahrscheinlich wie auch sein Gegenteil. Aber das ist auch nicht das Thema, oder bestenfalls nur am Rande. Jedenfalls bin in den vergangenen Tagen kurz hintereinander gleich zweimal darauf angesprochen, ob ich mich an einem Geschenk für einen, in dem einen Fall älteren, in dem anderen schon alten Mann beteiligen möge. Die näheren Umstände dabei sind nicht von Bedeutung. Wesentlich dagegen die den Anfragenden vorschwebende Art des Geschenks: eine Armbanduhr. Wie um mein Staunen darüber wegzuwischen der nachdrückliche Hinweis: Wir müssen da was machen. Und dann nochmal, jetzt drängender schon, die Halb-Frage an mich: Du wirst du dich doch beteiligen?

Anachronistisch wie ich bin, lebe ich noch aus einer anderen Zeit heraus, verbinde das Geschenk einer Armbanduhr mit Konfirmation, dem achtzehnten Geburtstag und der Illusion von „Voll-Jährigkeit“, dem Abitur, von mir aus auch dem Ein-Tritt (sic!) in den Beruf, den erfolgreichen Studienabschluss, die Promotion. Ereignisse also, die einen Zeitabschnitt abschließen, um nun auf ein erwartungsvolles Danach blicken zu lassen, mit Hoffnung, manchmal vermischt mit Zittern, jedenfalls einer Zukunft entgegen, wenn auch meist weniger selbstbestimmt als gerne imaginiert. Eine verzeihbare Fehleinschätzung, geschuldet dem Lebensalter der so Beschenkten.

Nun aber sollen ein Achtzigjähriger und einer, der in den „Ruhe-Stand“ tritt, eben diese Schritte durch eine Armbanduhr vergoldet, versilbert oder sonstwie veredelt bekommen. Was für eine skurrile Idee. Verbunden mit bemerkenswerter Ironie, man muss imstande sein damit umgehen zu können. Ich bezweifle jedoch, dass dem so ist. Zudem dem Ideen-Urheber selber, im einen wie auch anderen Fall, mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht vollumfänglich bewusst.

Und daran soll ich mich beteiligen?

Die Uhr, quasi aus ihrem Inneresten heraus ja ein „Un-Ruhe“-Instrument, wenn sie denn recht zur Ruhe käme, würde sie nicht mehr leisten, wozu sie im Grunde gedacht war. Wie kann nur der Wunsch entstehen, einen alternden oder gar alten Mann mit einem solchen Geschenk zu beschlagen? Was muss er getan haben, um nun diese Häme gereicht zu bekommen?

Sofern die Brille zur Hand ist, mag der Alte nun Stund um Stunde der Zeit, seiner Rest-Zeit, beim Vergehen zusehen können. Hat man je von greulicheren Geschenken gehört? Das Zifferblatt mit den unbestechlich kreisenden Nadeln darauf, das allgegenwärtige Bildnis des unwiederbringlichen Ablaufs. Als wenn das Wissen darum, dass der Malstrom der Zeit unaufhaltsam ist, nicht bei weitem schon zuviel sein kann, für den im Verdrängen wenig Geübten.

Und daran soll ich mich beteiligen?

Es soll eine gute Uhr sein, so ließ sich der Ideen-Geber in einem Falle noch vernehmen. Und meinte mit „gut“ offensichtlich „hochpreisig“, trugschließend so meine Spendelust anstacheln zu können. Ein Juwel mit Nebenfunktion sollte also gereicht werden. Alte Männer und Preziosen? Was für ein Widersinn!Oder geht es um den Trost des Trägers, die Gewissheit, was ich da an mir trage,wird mich überdauern, allemal. Wenn auch nicht als Grabbeilage, so doch vielleicht als kleine Erben-Freude.

Und daran soll ich mich beteiligen?

Verbunden mit Band oder gar Kette, das Handgelenk umschließend, mehr als die Fessel eines Gelenkes bloß. Raub der Leichthändigkeit. Vergehensgewissheit zur unentrinnbaren allgegenwärtigen Draufsicht. Auslieferung an ein fühlloses Meß-Instrument, einen Chrono-Graphen, die Stunden rückwärts zählend bis zum Ortstermin vor Chronos Thron. Dem, der schon die eigenen Kinder verschlang, unfähig dabei, einen Menschen von einem Stein zu unterscheiden.

Und an all dem soll ich mich beteiligen?

Ich denke wohl eher, dass nein.

 

Ein Gedanke zu “Der U(h)r-Irrtum

  1. Die Duplizität ist schon überraschen, beweist aber auch nur die Häufigkeit des Nicht-Nachdenkens. Das Problem der angetragenen Beteiligung an diesen Geschenken würde hervorragend in Dr. Dr. Rainer Erlingers Kolumne „Die Gewissensfrage“ (Süddeutsche Magazin) passen.

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