Vom Mut zur (Schatz-)Truhe …

Nein, er macht ihn uns weiß Gott nicht leicht, den Zugang zu seinem schwer überschaubaren Œuvre, dieser eigenwillige Einzelgänger aus dem Lissabon der frühen Jahre des vergangenen Jahrhunderts. Man muss ihn sich Schritt für Schritt ergehen,  immer wieder anhalten, wirken lassen, nochmal zurückkehren, erneut lesen, vielleicht anders verstehen als beim ersten Mal, nach einer Weile weitergehen, zur nächsten Zeile,  der nächsten Passage, der nächsten assoziativen Reihung, der nächsten Seite.  Fernando Pessoa, sicher keiner, der sich dem Leser anbiedert, das am allerwenigsten. Sondern einer, dessen Texte mehrfach gekaut werden müssen, um dann oft immer noch nicht leicht verdaulich zu sein, dem es allzu offensichtlich nicht auf die Leser-Erwartung, dieses sooft umflirtete Wesen ankommt, Pessoa, eher einer, den der Leser einen feuchten Kehricht kümmert, so der Eindruck, der sich Seite um Seite verstärkt,  je weiter man sich vorarbeitet etwa durch das umfangreichste seiner Werke, das Buch der Unruhe des Hilfsbuchhalters Bernardo Soares.

Überhaupt, das Pessoa-Phänomen: wie kann einer, so muss man sich fragen, wie kann einer so unermesslich viel schreiben, ohne mehr als nur einen Bruchteil davon jemals zu veröffentlichen? Grade aus heutiger Sicht kaum zu begreifen. Wo doch mittlerweile jeder, so mag es manchmal scheinen, auf Ach und Krach versucht zwischen zwei Deckel oder auf den Reader-Monitor zu zwingen, was immer sich aus der Schublade kratzen lässt. Und viel zu oft ist das einzig Herausragende daran die Bedeutungsarmut des behelfsmäßig Gesagten. Was bliebe uns allen erspart, würde mehr für die Truhe geschrieben! Dann könnte die Nachwelt immer noch entscheiden, was für die Dauer taugen soll und kann.

Man versuche einmal sich Pessoa, diesen Dauerschreiber als Selfpublisher heutiger Provenienz vorzustellen, der sich neben seiner gigantischen schriftlichen Produktion auch noch der Herstellung, dem Vertrieb und der Verbreitung seiner Arbeiten widmet, sich dazu auf diversen Social Media ebenso tummelt wie er von Buchmesse zu Buchmesse hetzt, um bei jeder Tür, die es zu verlohnen scheint, mit dem sicheren Auftreten des chronisch Selbstüberzeugten zum richtigen Zeitpunkt zu antichambrieren …

Es heißt, Pessoa habe soviel geschrieben, dass er gar keine Zeit dazu hatte, sich um eine Veröffentlichung zu kümmern. Hatte er ein Projekt abgeschlossen, drängte schon das nächste, und auf dieses dann schon ein weiteres, der nächste Plan, die nächste Idee, oft mehrere zugleich als der Reihe nach, ein Leben in fortwährender Schreib-Unruhe. Schon möglich, dass dieser Mangel an Zeit für die ‚Endarbeiten‘ der eigentliche Grund für das lange Verborgenbleiben seiner Arbeiten war. Allerdings haben andere fiebrige Dauerschreiber ihre Werke auch irgendwie an die Öffentlichkeit bugsiert, man denke etwa an Balsac.

Zeitmangel allein also mag es nicht gewesen sein, denke ich. Und vermute, dieses andere, dass Pessoa auszeichnete und für das ich ihn bewundere, ist etwas, das selten geworden ist, wohl auch immer schon war, nämlich: Mut. Diese ganz besondere Tapferkeit, die einen dazu befähigt zu unterlassen. Nicht zu tun, was andere tun,  was nahe liegt, was üblich ist, was getan werden muss, um dazu zu gehören, wozu auch immer. Statt Mainstream Antipode sein. Eine Option?

Hier also mein Vorschlag für etwas, das ich den Pessoa-Test nennen möchte, eine Mut-Probe der besonderen Art: Schreiben Sie ein Buch ganz und gar nur ‚für die Truhe‘! Aber ehrlich und aufrichtig, von Anfang bis Ende, keine Schummelei, kein ’na ja mal sehen‘, ‚je nachdem‘, sondern erst recht, wenn es  gelungen scheint, gehört dieses Stück Arbeit in die Truhe, die Schublade, den Aktenordner ‚Nicht zur Veröffentlichung‘. – Wozu? Finden Sie albern? Ach ja? Warum? Was soll das bringen? Macht doch überhaupt keinen Sinn? Aha. Auch gut, war ja nur ein Vorschlag, aber eben nichts für jeden, ich weiß …

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