Die neue Liebe …

Ja, keine Frage und kein Drumherumgerede, ich habe eine neue Liebe, es ist wie es ist. Und von einer neuen Liebe muss man reden, geht nicht anders.

Wo ich sie kennengelernt habe? Dort, wo schon viele meiner Beziehungen ihren Anfang nahmen: in meinem Lieblingsantiquariat. Neben einer reichen Zahl fortwährend mit Verstand und Herz ausgewählter Titel und Ausgaben, kann man dort auch den ein oder anderen Schatz erstehen, der nicht zwischen zwei Buchdeckel passt. Und so geschah es. Neben Nadolny, Wellershoff, Herrndorf und Grossman, habe ich auch sie an einem dieser Tag, an denen vieles gelingen kann, nach Hause getragen, eine kleine zarte, hochzerbrechliche Schönheit, eingehüllt in mehr als reichlich viel weiches Schutzpapier wurde sie mir über den kleinen Verkaufstisch gereicht und mit klopfendem Herzen in die kleine Ledertasche gebettet, die ich in solchen Fällen üblicherweise bei mir trage. Die Bücher dagegen nahm ich unter den Arm, dem Wetter, und das hieß an diesem Tag, dem norddeutschen Sprühregen ohne jeden Skrupel ausgesetzt für eine Gehstrecke von gut einer Viertelstunde.

Wie es dazu kam? Was weiß man in solchen Fällen schon wirklich über das Wie? Nur soviel darf als sicher gelten, es war ein Augenblicksentscheid, ein Ereignisfunken zwischen zwei Herzschlägen, die so oft zitierte Liebe auf den ersten Blick, wo schon der erste alles sagt, ein zweiter dann schon sicher weiß um das, was nicht mehr anders gehen kann und darf … Im Fichtenholzregal, das die Klassiker der deutschen von denen der französischen und englischen Literatur auf etwa einen halben Meter voneinander trennt, dort hatte sie auf mich gewartet. Von meiner Seite ein Schauen und Staunens, von dieser noch ungläubigen Art, wie es sich nicht ausbleiben kann, in Momenten wie diesen, wenn es sich ereignet  hat, wenn gefunden ist, was nicht gesucht wurde, wenngleich von einem, der doch sooft ein Suchender, das wohl.

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Mein erster scheuer Blick auf ihre Unterseite, ich tat ihn nicht ohne zuvor stumm vorgetragene Bitte darum, eine Bitte, die sie gewährte ohne jeden Widerstand, dieser Blick, er ließ mich wissen, was sie für eine ist, eine Kronach Bavaria Goldrose, mit der Seriennummer 69, dieser Zahl, die an dies und jenes denken lässt, um neunzig Grad gedreht etwa, der ewigen Monade des Yin-Yang so augenscheinlich ähnlich, ein Tattoo in keiner geringeren Farbe denn als Gold, darüber ein R (kein ‚HB‘, obschon sie auch in Passy auf dem kleinen Beistelltisch mit den gedrechselten Füßen hätte gestanden haben können), ganz in Blassrot gehalten dieses R – wer aber mag ‚R‘ gewesen sein? -, eine vierstrahlige Krone darauf. Soweit also die Angaben zu Herkunft und Identität, gut zu wissen, aber doch so fern von dem, was berührt. Dies vermögen jedoch umso mehr die sanften Formen ihres kleinen Körpers, eines Körpers in Gold und Blau auf weißem, reinen Grund, darauf zu lesen die Spuren eines reichen Lebens schon, Spuren eines Alters, das mit Anstand zu tragen nicht vielen gegeben ist.

Unsere Unzertrennlichkeit, wen mag sie nun noch überraschen? Seither kein Tag, durch den wir nicht gemeinsam gehen, nicht gehen mögen, kaum eine Stunde, die wir von einander lassen, getrennt nur in den Zeiten des Schlafes oder denen, die Verrichtungen – unvermeidbar allesamt – gelten, die sich zutragen fernab von Schreibtisch und Küche, Zeiten, die wir dann tapfer zu durchstehen haben, das eine ohne den anderen. Zeiten der Sehnsucht auf das nächste Mal, das nächsten Befühlen, Berühren und Wiederberührtwerden, das kaum noch zu erwartende  Anlegen der Lippen schließlich, das Erspüren von Wärme, ihrer Wärme, gepaart mit dem unvergleichlichen Duft dieses Getränks, das sie mir darbietet wie keine andere es je vermochte, dieses Elixiers, von dem ich mir immer wieder alles verspreche, auch und gerade dann, wenn ich nur zu deutlich spüre, dass es heute kaum etwas zu hoffen gibt.

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